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de:aiips:ausscheidung

AAL-SmartEnvironment-Project: Unterstützende Maßnahmen im Kontext der Ausscheidungsproblematik

1. Entstehung der Idee zu diesem Projekt

Die Idee zu diesem Projekt hat sich aus der Beratungstätigkeit für Menschen mit erworbenen bzw. unfallbedingten Behinderungen ergeben.

Menschen mit Paraplegie und Tetraplegie leiden oft unter paralytischer Mastdarmentleerungsstörung und müssen die Vornahme invasiver Techniken des Darmmanagements erdulden. Diese Maßnahmen stellen einen Eingriff in die Intimsphäre dar und sind typischerweise geeignet, bei den Betroffenen Gefühle von Scham auszulösen.

Eine häufig angewendete Methode ist die transanale Irrigation. Hierzu wird über einen Katheter, der in den Enddarm eingeführt wird, Wasser in die unteren Darmabschnitte gepumpt, um hierdurch den Stuhlgang zu ermöglichen. Marktführer ist die dänische Firma Coloplast mit dem Peristeen®-System.

Hiervon ausgehend entstand die Überlegung, man könnte die Lebenssituation von Betroffenen durch die Entwicklung eines Hilfsmittels verbessern, das die fremdhilfeunabhängige Applikation des Irrigationskatheters ermöglicht.

2. Technische Bedingungen

Ein solches Hilfsmittel müsste über folgende technischen Details verfügen:

  • Lichtquelle
  • Optische Kontrolle (Kamera + Monitor)
  • Steuerbarer Greifarm (Steuerung z. B. über Joy-Stick)

Für die vorgesehen Anwendung muss das Hilfsmittel korrosionsbeständig und spritzwassergeschützt sein. Die Steuerung muss mit einer Totmannschaltung versehen sein und bei Erreichen eines definierten Widerstandes abschalten. Die Stromversorgung muss aus Sicherheitsgründen auf 24 Volt begrenzt sein, wie es für im Nassbereich genutzte elektrobetriebene Hilfsmittel üblich ist. Der Nutzen eines solchen Hilfsmittels könnte darin bestehen, Betroffene davon unabhängig zu machen, unter regelmäßiger Verletzung des individuellen Schamgefühls invasive Assistenz im Zusammenhang mit dem Abführen dulden zu müssen. Möglicherweise könnte zugleich auch der zeitliche Umfang des Assistenzbedarfs reduziert werden, wodurch man Kosteneinsparungen im Gesundheitssystem erzielen könnte.

3. Fragebogen und Pretest

Die Projektidee wurde auf die Entwicklung eines Hilfsmittels zur Anwendung der transanalen Irrigation fokussiert, weil Untersuchungen ergeben haben, dass diese Methode im Hinblick auf die Symptomkontrolle und Sicherung der Lebensqualität gegenüber den anderen verwendeten Methoden, z.B. der digito-rektalen Stimulation oder der rektalen Verabreichung von chemischen Laxantien, überlegen ist*. Zunächst sollte eine Anwenderbefragung durchgeführt werden, um festzustellen, ob diejenigen, die regelmäßig das Peristeen®-System nutzen, überhaupt zur Anwendung eines solchen Hilfsmittels motiviert wären. Zugleich sollten sozio-demographische Daten erhoben werden, außerdem Angaben zur Organisation der Pflege.

Es wurde ein Fragebogen entwickelt, der mit einer Einführung und Anleitung im Rahmen eines Pretests an sieben Anwender des Peristeen®-Systems versendet wurde. Alle Anwender werden im individuellen Case Management von einem Rehabilitations-Dienst betreut und leiden an einer paralytischen Mastdarmentleerungsstörung infolge von Querschnittlähmungen mit unterschiedlicher Lähmungshöhe. Von den Befragten waren drei weiblich und vier männlich.

Parallel erfolgte der Versand der Fragenbögen samt Anleitung an sechs Experten, die professionell mit Anwenderschulung und Pflegeberatung befasst sind. Dies waren zwei Anwendungsberater eines Sanitätshauses, zwei Pflegefachkräfte, die in Querschnittgelähmtenzentren mit Patientenschulungen bezüglich der Behandlung von Blasen- und Mastdarmentleerungsstörungen betraut sind sowie zwei Pflegeberater der Rehabilitations-Dienstes, der die befragten Anwender betreut.

4. Ergebnisse der Auswertung des Pretests

Die Gruppe der im Pretest Befragten bestand fast nur aus Anwendern, die bei der Irrigation auf Assistenz angewiesen sind. Insoweit muss einschränkend angemerkt werden, dass sie in Bezug auf die Gesamtzahl aller Anwender des Peristeen®-Systems nicht repräsentativ ist, da grundsätzlich die Zahl der fremdhilfeunabhängigen Anwender überwiegt.

Die Vorstellung, das Einführen des Irrigationskatheters mit einem Hilfsmittel selbständig durchführen zu können, wird in Bezug auf ihr Schamempfinden von den Anwendern als mögliche graduelle Verbesserung ihrer Situation gesehen. Da ein zwar sehr schambesetzter, aber im Verhältnis zum gesamten Ausmaß ihrer Abhängigkeit doch recht unbedeutender Aspekt der Lebenssituation der Anwender mit diesem Hilfsmittel unterstützt würde, wird der Nutzen von der Mehrzahl der Befragten Anwender in Zweifel gezogen.

Das Hilfsmittel zusätzlich mit der Funktion einer Duschtoilette auszustatten, ist im Ergebnis der Befragung nicht zielführend, da die auf Assistenz angewiesenen Anwender angeben, ohnehin nach der Irrigation zu duschen und hierbei personelle Unterstützung zu benötigen. Diese Einwände werden auch von den im Pretest befragten Experten geteilt.

Bei den befragten Betroffenen wie auch bei den Experten überwiegt die Einschätzung, dass mit dem vorgestellten Hilfsmittel ein wirklicher Durchbruch in der Verbesserung der Lebensqualität der fremdhilfeabhängigen Anwender des Peristeen®-Systems vermutlich nicht zu erreichen sein wird.

*Literatur:

Tod A. M., Stringer E., Levery C., Dean J., Brown J. (2007): Rectal irrigation in the management of functional bowel disorders: a review. British Journal of Nursing 16, 858-64

Del Popolo G., Mosiello G., Pilati C., Lamartina M., Battaglino F., Buffa P., Redaelli T., Lamberti G., Menarini M., Di Benedetto P., De Gennaro M. (2008): Treatment of neurogenic bowel dysfunction using transanal irrigation: a multicenter Italian Study. Spinal Cord 46, 517-522

de/aiips/ausscheidung.txt · Zuletzt geändert: 2014/11/24 13:20 (Externe Bearbeitung)